to the English
translation below
![]()

«Wie der Mensch zur Musik kam» hieß eine interessante
Fernsehsendung des britischen Anthropologen David Attenborough. Von der
Kohlmeise bis zum Buckelwal spürte er zunächst den Gesängen in der Tierwelt nach.
Danach lassen sich die Stimmäußerungen zwei Motiven zuordnen: der Revierabgrenzung
und der Partnerwahl. Den eindrucksvollen Rufen eines Gibbonpaares
lauschend, ging Attenborough auf die These eines Affenforschers ein, der Mensch
habe wahrscheinlich schon gesungen, bevor er gesprochen habe. Als
Kennzeichen der Menschen hob er hervor, dass sie gemeinsame, rhythmisch
koordinierte Gesänge hervorbringen könnten.
Musikalische Rituale zur Selbstvergewisserung der Gruppe bzw. zur
Abschreckung des Gegners sind heute noch zahlreich zu erleben. Die Drohgebärden der Maori
eignen sich prima als Mannschaftsritual des
neuseeländischen Rugbyteams.
Der gemeinsame Rhythmus, monoton wiederholt oder im Tempo gesteigert,
wirkt offenbar stark auf den menschlichen Organismus. Ich vermute, dass sein
Herzschlag den Menschen für Rhythmen empfänglich macht. Die gemeinsame
Bewegung im Kreis, stampfend, singend, mit Waffen auf den Boden stoßend, ist
sicher noch in vielen Teilen der Welt anzutreffen. Durch die am eigenen Körper
erfahrene Wirkung lag es nahe, dem musikalischen Ritual magische Kräfte
zuzuschreiben.
Am wichtigsten war bei dieser frühen Musik die Wirksamkeit. Sie musste
Kraft ausdrücken. Die Highland Pipes hätten wohl kaum durch gefälligen
Wohlklang den Gegner mit Angst und Schrecken erfüllt. Auch beim Tanzen
war eher ein schriller, einpeitschender Ton gefragt. Der Glaube, dass über
die Musik Kontakt mit überirdischen Mächten aufgenommen werden könne, war
wohl gleichermaßen bei Christen und Heiden verbreitet. Andererseits sahen
Völker wie die Kelten eine enge Verbindung zwischen Natur und Musik.
Die Legende von Orpheus, der von den Göttern die Gabe erhält, mit seiner Musik
Menschheit und Natur zu verzaubern, enthält das Kernstück dieses Glaubens.
Musik kann 'magische' Kräfte wirken lassen, daher muss sie von höheren
Mächten stammen.
Die ersten Lieder waren wahrscheinlich Arbeitslieder, meinte der Sammler Alan Lomax. Monotone Tätigkeiten, die wie das Rudern oder Körner stampfen Koordination erforderten, wurden durch Gesänge angenehmer. Der Wechsel zwischen Strophe des Vorsängers und Refrain ließ Raum für Improvisation und ist mit Sicherheit sehr alt. Zunächst bewegten sich die gesungenen Töne frei in wechselnden Intervallen. Die Fixierung der Tonstufen war Voraussetzung für die lange einflussreiche Pentatonik (Fünftonreihe, z.B. c, d, e, g, a). Aus den Lochanordnungen antiker Flöten kann auf das verwendete Tonsystem geschlossen werden.
Die frühesten entdeckten Musikinstrumente waren laut
Attenborough Knochenflöten mit mehreren Grifflöchern. Mit einem Mundstück,
etwa einem Schilfrohr, lassen sich darauf kleine Melodien spielen. Eine
Flöte aus einem Schwanenknochen, vor 35.000 Jahren geschnitzt, wurde in einer Höhle
auf der Schwäbischen Alb gefunden.
Eine andere
Theorie besagt, dass zunächst die körpererzeugten Geräusche mit
Hilfsmitteln verstärkt wurden. So entwickelte man Klappern für die Hände und
befestigte Holz oder Metall an den Schuhsohlen, welche den Rhythmus der Schritte
betonten.
Urformen der
Idiophone (Selbstklinger, z.B. Xylophon), Membranophone (Trommeln), Chordophone
(Saiteninstrumente) und Aerophone (Blasinstrumente) gab es in reicher Zahl,
wobei sich interessante Verwandtschaften ähnlicher Instrumente auf
verschiedenen Kontinenten entdecken lassen. Das Übermitteln von Signalen, etwa
zwischen Hirten, dürfte eine wichtige Funktion gewesen sein. Bei Ritualen wie
dem Winteraustreiben oder dem Vertreiben böser Geister haben einfache
selbstgefertigte Instrumente wie Ratschen und Schellenstäbe auch in Europa eine
lange Tradition. Man denke etwa an die die alemannische Fastnacht.
Zum Tanz wurde sicher ebenfalls aufgespielt, wenn es auch oft vorkam,
dass die Tanzenden selbst ein Lied zu ihrem Tanz sangen. Umgekehrt mischten sich
spielende Instrumentalisten unter die Tänzer. Gesang, Tanz und
Instrumentalmusik bildeten eine Einheit.
|
||
|
||
|
||
|
||
|
Wahrscheinlich kann auch gezielte Ausbildung nichts hervorrufen, was im Menschen nicht schon angelegt ist. Eine allgemeine musikalische Begabung darf also für den Homo Sapiens angenommen werden, das Bedürfnis sich auszudrücken ebenfalls. Diese zunächst ungesteuerte Äußerung wurde vielfältig variiert. Es ist aber ein Irrtum zu glauben, Musik der indigenen Völker sei primitiv und unstrukturiert. Sie weist durchaus komplexe Strukturen und Festlegungen auf, ist also nicht nur improvisiert.
Das Leben in einer Gruppe, einer Gemeinschaft mit sanktionsbewehrten Regeln, verlangt die Kontrolle der primären Triebe. Nach Freud wird die Triebenergie in sozial akzeptierte Bahnen umgelenkt, sublimiert. Der Mensch schafft sich Ausdrucksformen, die er bis zum Theaterstück oder der Opernarie verfeinert. Dass die Beschäftigung mit dem Schönen, Wahren, Guten uns zu besseren Menschen macht, glaubten die Romantiker. Musik beflügelt - macht aber auch manipulierbar.
Sehr anregend ist das Buch des Musiksoziologen und -historikers Christian
Kaden:
Des Lebens wilder Kreis - Musik im Zivilisationsprozess, Bärenreiter-Verlag
1993
![]()
I watched an interesting TV programme by anthropologist David Attenborough. He examined musical utterings in the animal world from great titmouse to humpback whales. He found two reasons for their "singing": marking boundaries and finding a mating partner. Attenborough mentioned the theory of a biologist according to which man most likely could sing before he could talk. He pointed out as a distinguishing mark of man that he could sing in a group using a coordinated rhythm. Musical rituals aiming at self-reassurance or detention of opponents can still be found today. It is no big step from Maori threatening cries to the team ritual of the New Zealand rugby team.
The common rhythm, repeated in monotonous fashion or sped up obviously
has a strong effect on the human organism. I assume it's the heart
beat which makes man react strongly to rhythm. A group moving within a circle,
stamping their feet, singing, banging sticks or weapons on the ground - this
kind of performance can still be found in many places of the globe.
Because of the profound effect on the body magical power would likely be
attributed to the musical ritual.
Early music had to be efficient in what it was trying to achieve.
It had to express physical and mental strength. Highland Pipes would hardly have
instilled terror and fear in the opposing warriors' souls had they sounded sweet
and gentle. To stimulate the dancers a shrill, wild sound was called for. The
belief that you could access supernatural powers through music would have been
spread among christians and heathens alike. At the same time people like the
Celts saw a strong connection between music and nature.
The legend of Orpheus who receives the godly gift to enchant man and
nature alike with his music sums up the essence of this belief. Music can induce
'magical' powers, thus it must be derived from higher powers-to-be.
The first songs were probably work songs said collector Alan Lomax. Monotonous jobs which demanded coordination like rowing or grinding corn were made more pleasant by singing. The change between the verse of a lead singer and the refrain sung by the group left room for improvisation and must be really old. At first the notes sung floated freely without fixed intervals. Fixed tonal steps were the base for the rather influential pentatonic scale. Its use could be deducted from the hole patterns of antique flutes.
The earliest musical instruments according to Attenborough
were bone flutes with several fingering holes. With a mouth piece like a reed
little melodies can be played on it.
In
southern Germany a flute carved from a swan's bone was discovered in a
cave. It's around 35 000 years old.
A different theory tells us that the first
intruments were made to enhance sounds produced by body movements. Rattles for
the hands or pieces of wood or metal fixed to the soles amplified the noises the
dancers made.
Basic forms of xylophones, drums, stringed
and blown instruments appeared in large numbers. Interesting relationships
between similar instruments on various continents can be discovered.
Transmitting signals would also have been an important function. Simple
noise-making instruments were usually part of rituals to ban evil spirits or to
drive winter away. Instruments
would surely play for dances as well although quite often dancers sang a
song while they were dancing. Vice versa instrumentalists mingled with the
dancers.
Song, dance and instrumental music formed a unit. Later the spreading
of christianity brought an end to this.
|
||
|
||
|
||
|
||
|
No formal education can evoke something that man isn't gifted for. A general musical ability can thus be assumed for homo sapiens, equally a desire to express himself. This at first unguided utterance was varied in many ways. It is wrong to believe that music of the indigenous peoples is primitive and unstructured. It shows complex structures and fixed elements thus is not only improvised.
Life in a
group, a community with rules and regulations which must be adhered to, demands
control over primary drives. According to Freud this energy is chanelled in
socially accepted forms. Man creates ways of expression which are highly refined
such as drama or opera. Music has two faces: it can lift up and it can help to
manipulate people.
![]()