Wenn man als Kind oder Jugendlicher ein Instrument nach Noten gelernt hat,
ist man eigentlich fein raus. Alle möglichen Stücke lassen sich relativ leicht
nachspielen. Aber leider ist früher den meisten Musikschülern abgewöhnt
worden, Stücke nach Gehör wiederzugeben oder gar zu
erlernen. Ausschließlich die präzise Wiedergabe des Gedruckten wurde eingebimst.
Möglicherweise, hoffentlich, ist das heute anders. Schließlich ist das
Problem erkannt:
Bei den meisten Unterrichtsformen wird das Sehen angesprochen, die anderen Sinne
werden vernachlässigt. Wir trauen sozusagen unseren Ohren nicht.
Noten kann man als Vor- aber auch als Nachschrift betrachten. Ein Komponist schreibt den Musikern buchstäblich vor, was sie umsetzen sollen. In der Volksmusik soll eine Transkription aufzeichnen, was gesungen oder gespielt wurde. Eine akkurate Transkription mit allen Verzögerungen und Schleifen eignet sich nicht dazu, sie im Originaltempo nachzuspielen. Außerdem muss jede Strophe und jede Wiederholung einzeln aufgezeichnet werden, da alle Teile in der Regel variiert werden.
Die Erfindung der Notenschrift vor rund 1000 Jahren war die Voraussetzung für das Komponieren. Sie ermöglichte es, mehrere Stimmen in Einzeltönen festzulegen und hochkomplexe, genau reproduzierbare Klanggebilde zu schaffen. Bis heute wird in unseren Breiten der Komposition mehr Wert zugemessen als der Improvisation. Dabei ist diese keineswegs anspruchslos. Man benötigt einen umfangreichen Baukasten an musikalischen Elementen und muss innerhalb von kurzen Augenblicken entscheiden, wie es weitergeht. Voraussetzung ist natürlich, dass man sich frei und aus dem Kopf heraus musikalisch äußern kann. Im Zusammenspiel entsteht durch die Interaktion der Beteiligten etwas immer Neues, nie völlig Gleiches. Auch wenn ein klarer Rahmen gegeben ist, wie beim Blues-Schema, macht erst das spontane Ausfüllen der Freiräume die Musik spannend. Es liegt auf der Hand, das Rockmusik in diesem Punkt erheblich näher an der traditionellen Musik ist als die Klassik.
Die Volksmusik als Mutter aller Musikstile hat nur durch die
mündliche Art der Tradierung ihren Variantenreichtum entwickeln können. Die
Ornamentierung und Phrasierung etwa der irischen Musik lassen sich sowieso kaum
auf Papier festhalten.
Irische Tunes nach Noten spielen ist wie Auto fahren während man gleichzeitig
die Betriebsanleitung liest!
Wer ernsthaft eine Musik spielen will, die auf Überlieferung des Gehörten basiert, muss sich also vom Auge aufs Ohr umstellen. Wie kann das gehen?
Jeder hat, mit „Hänschen klein“ beginnend, Lieder nach gesungen. Das funktioniert wie so vieles Lernen, durch häufiges Wiederholen. Wer eine Melodie nachsingen kann, braucht diese dann nur noch auf sein Instrument zu übertragen.
Mit etwas System lässt sich das Verfahren abkürzen, wenn man einen
Tonträger hat:
| Stück in Teile untergliedern | |
| Rhythmus der einzelnen Teile mitsprechen (da daaaa dadada da da daaa) | |
| dem Rhythmus die Melodie zuordnen und mitsingen | |
| ohne Tonträger singen | |
| auf dem Instrument nachspielen |
Zugegeben, der 3. Punkt ist der schwierigste. Man beginne mit langsamen
Stücken. Bei Slow Airs, was „langsame Melodie“
bedeutet, wird ohnehin häufig die Melodie eines Liedes instrumental
nachgespielt, z.B. das bekannte irische „Boulavouge“.Perfekte
Wiedergabe 1:1 ist kaum möglich und auch nicht das Ziel.
Mit etwas Übung gelingt das Heraushören besser. Für
Ambitionierte wird in den USA ein Computer-Programm namens „The Amazing
Slow-Downer“ verkauft, das Stücke langsamer, aber in der selben Tonhöhe
wiedergibt. Ich habe dies aber noch nicht erprobt. Mit meinem alten
Tonbandgerät (Bj.1970) konnte man übrigens die Geschwindigkeit auf die Hälfte
stellen und das Stück eine Oktave tiefer hören.
Das notenlose Spiel gelingt Noten-Abhängigen wahrscheinlich mit einem neu
erlernten Instrument am besten. Besorg dir am besten eine Tin Whistle und probiere es einmal mit Auld Lang Syne
(Should auld acquaintance be forgot). Erster Ton ist der tiefste,
den du auf der Whistle greifen kannst. Mehr über das Whistle - Spielen auf der irisch-trad.-Seite.
Ich finde es einfacher, ein Stück sofort auswendig zu erlernen als beim
Spielen später die Noten wegzulassen. Manchmal braucht man diese ja auch nur
zur Beruhigung für die Nerven...
Das andere Problem beim Auswendigspielen ist die Zuordnung eines Griffbildes
zu einem Klang. Ein Instrumentalist sollte in der Lage sein, sich eine Melodie
zugleich mit den dafür nötigen Griffen plastisch vorzustellen. „Alle
meine Entchen“ in C? Der Schwierigkeitsgrad wächst mit der Größe des Abstands
zwischen den Tönen.
Erst wenn man diese Fertigkeit des Voraus-Hörens
besitzt, kann man improvisieren, weil man vor dem Spielen des Tons „weiß“, wie er klingen wird. Dies gelingt auch mir nur begrenzt,
insbesondere bei unangenehmeren Tonarten auf der Geige.
Ähnlich funktioniert
das spontane Begleiten einer bekannten Melodie mit Akkorden z.B. auf der
Gitarre. Auch hier gilt wieder Üben, Üben, Üben. Positiv gesagt: Bei
jahrelanger musikalischer Praxis stellen sich diese Fertigkeiten quasi von
selbst ein.
Wer das Ziel hat, ein Instrument zu „beherrschen“, muss m.E. in der Lage
sein, einen musikalischen Gedanken spontan in die entsprechenden Töne
umzusetzen.
von anderen MusikerInnen ein Stück lernenAuch dieses eine nützliche, übenswerte Fertigkeit. Ist es nicht ein tolles
Souvenir, ein Lied oder ein Instrumentalstück „im Kopf“
mitzunehmen? Denn was man „schwarz auf weiß nach Hause trägt“
ist nicht notwendigerweise „besser“ oder authentischer.
Es ist auch sehr schön, ein Stück aus dem eigenen „Besitz“ mit
jemand teilen zu können. Natürlich braucht es etwas Geduld und gemeinsames
Wiederholen, aber das verbindet.
Das Lernen eines Stücks nach Gehör erfordert eine intensive Auseinandersetzung
und Aneignung, was aber nicht das Schlechteste ist. Wie ist die Struktur, was
sind die Besonderheiten, welche Verzierungen sind charakteristisch für dieses
Stück?
Bei Sessions stellt sich die Frage: Passt das, was ich spiele, zu dem, was der
andere spielt?
Interfolk Osnabrück 1979
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Für Gitarre und Bass finden sich im Rockmusik-Bereich massenhaft Tabulaturen ('tabs'). Diese Grafiken zeigen, auf welcher Saite an welchem Bund man den Finger aufsetzen muss. Es gibt auch Folk-Tabulaturen (in Verbindung mit Noten) für Tinwhistle, Mandoline oder Mundharmonika.
Für Nicht-Notenleser gibt es seit 1991 das sogenannte ABC-Format, das in der irischen Musikszene recht bekannt ist. Die Tonhöhe wird durch Buchstaben, die Länge durch Zahlen angegeben. Taktstriche gibt es auch. Das ganze ist im Internet leicht zu verschicken. Einen vollständigen Überblick (auf Englisch) gibt es auf dieser ABC-Seite. Es gibt auch Programme, die ABC in Töne oder auch in Noten umwandeln.
Inzwischen findet man reichlich Klangdateien im Netz, nach denen man Stücke lernen kann. Für irische Tunes existiert sogar eine mp3- Suchmaschine. Speziell für Whistle gibt es eine eigene Sammlung von Soundclips.
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Sheet music fails to capture the important details of traditional music. It
leads to a lack of variation and ornamentation
As somebody put it at
thesession.org: Playing ITM while reading sheet music is like reading the
instruction manual while you are driving.
(ITM = Irish Traditional Music)
Five steps to learn a tune and play it by ear:
| break the tune down into parts | |
| speak some syllable according to the rhythm of the individual parts | |
| match melody and rhythm so you can sing along | |
| sing the tune without the aid of a recording | |
| find the first note and play it on your instrument |
Get a tin whistle and play tunes of slow airs or songs such as Old Lang Syne.
Try to imagine beforehand what the fingering of the next note is. Learn tunes
from other musicians solely by ear.
There are midi files and tabs (tabulature) for various instruments on the net.
Tunes can be written using letters and numbers in ABC
format.
If you want it in a nutshell look here.
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