

Kulturelle
Bewegungen und Einflüsse zwischen Europa und Amerika gab und gibt es in beide Richtungen. Selbst tief verwurzelte europäische Musiktraditionen wie die Irlands haben aus
den USA wesentliche Impulse erhalten. Amerika brachte uns nicht nur den Jazz und den Rock, sondern auch das Etikett
'Folk', das eine Gegenströmung zum schnelllebigen, technisch und kommerziell
dominierten 'Pop' bezeichnen sollte.
Inzwischen
gilt das Etikett ' Folk' als verstaubt und total karriereschädlich. Da
muss sich wohl wieder eine Generation von der vorangegangenen abgrenzen... Die
Musik lebt unter anderem Namen, z.B. 'New Acoustic Music' weiter.
In Deutschland spielt die Auswanderung in die USA im öffentlichen Bewusstsein keine besondere Rolle. Dabei betraf sie Millionen von Menschen, die aus religiösen, politischen oder wirtschaftlichen Gründen in die Neue Welt zogen. Vor 1820 stellten Siedler von den britischen Inseln die absolute Mehrheit unter den Einwanderern. Für die Einwanderung in die USA für die Zeit von 1820 bis 1978 gibt wikipedia die folgenden Zahlen an:
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Herkunftsland |
Anzahl |
Prozent der Eingewanderten |
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|---|---|---|---|---|
|
Deutschland |
6,9 Mio. |
14,3% |
||
Italien |
5,2 Mio. |
10,9% |
||
|
Großbritannien |
4,8 Mio. |
10 % |
||
Irland |
4,7 Mio. |
9,7% |
||
|
Österreich-Ungarn |
4,3 Mio |
8,9% |
Nicht nur die Einwanderung von Osten, sondern auch von Süden hinterließ
ihre Spuren. Spanische Sprache und Musik samt der Gitarre fand über
Südamerika, Mexiko und die Karibik den Weg in die USA.
Die Grenz- und Küstengebiete waren davon naturgemäß stärker geprägt als der
Norden.
Die weißen Einwanderer integrierten sich im allgemeinen rasch und sahen sich
selbst als Amerikaner. Das Bestreben, die Kultur des Mutterlandes mit Sprache,
Musik und Tänzen zu bewahren, überdauerte kaum mehrere Generationen -
Ausnahmen siehe unten.
Interessant ist hier ein Vergleich mit der Auswanderung in den europäischen
Osten: über Jahrhunderte hinweg bewahrten die von Zarin Katharina angesiedelten
Deutschen an der Wolga oder die seit dem Mittelalter im heutigen Rumänien
ansässigen Siebenbürger Sachsen ihre Identität, in dem sie
sich als Gruppe abgrenzten.
Die indigenen Einwohner Nordamerikas wurden als Feinde
betrachtet und haben als bekämpfte Minderheit die Kultur der Invasoren wenig
beeinflusst. Erst die New-Age-Bewegung und die Entdeckung der 'Welt'- Musik
brachten ihnen wie auch den australischen Aborigines Aufmerksamkeit. Mit
der Hawaii-Gitarre zog ein Stück polynesische Musikkultur Mitte des vorigen
Jahrhunderts in die Pop-Musik ein.
In manchen Regionen gab es Siedlungsgebiete mit einer eigenständigen Weiterführung der aus Europa mitgebrachten Musik. Ich beschränke mich hier auf wenige, prägnante Beispiele. Leider kann ich auf Südamerika nicht eingehen, obwohl z.B. Tango aus Argentinien und Finnland dazu einladen würde.
Die französischen Acadians wurden 1755 aus Kanada vertrieben und siedelten sich in den Sümpfen Louisianas an. Ihre Musik, als Cajun bekannt, überdauerte bis ins 20. Jahrhundert mit wenigen Veränderungen. Sie ist im wesentlichen Tanzmusik, bei der Fiddle und Akkordeon im Vordergrund stehen. Gesungen wird auf (alt-)französisch. Die Tanzformen sind Two Step, Walzer, Mazurka, Polka und Quadrille. Als Rhythmusinstrument ist oft das geschickt eingesetzte Triangel zu hören. Bekannt ist z.B. der Geiger Michel Doucet mit seiner Gruppe Beausoleil. Die Vermischung mit der Countryelementen wie dem Einsatz von Steelguitar und Schlagzeug ließ den Cajun sein ausgeprägtes Gesicht verlieren. Erst eine Rückbesinnung auf die Wurzeln brachte wieder die charakteristischen Elemente zur Geltung.
In die Gegend um Cape Breton in Ost-Kanada wanderten um 1800 etwa 30 000 schottische Siedler ein. Hier erhielt sich bis in die Gegenwart eine sehr lebendige Volksmusik, die alte Züge der schottischen Überlieferung trägt, aber dennoch eigene Merkmale entwickelt hat. Auch hier ist die Geige das tragende Instrument. Der Bogenstrich ist sehr rhythmisch, weil dazu getanzt wird. Die Schritte der Stepptänzer oder auch vielfach das Klavier machen die Begleitung. Der Dudelsack und die gälische Sprache sind noch gelegentlich zu hören. Ein breiteres Publikum lernte die Cape Breton - Musik durch die Geigerin Natalie MacMaster kennen.
Dieser Begriff bezeichnet eine nicht-religiöse jüdische Musik, die in Osteuropa weit verbreitet war. Es gab (Profi-)musiker, "Klezmorim", die zum Tanz etwa bei Hochzeiten aufspielten. Geige, Klarinette, Akkordeon und Bass waren zu hören, dazu auch Hackbrett (Cimbal) und Snare - Drum. Speziell in New York unter der großen Gruppe jüdischer Einwanderer wurden die Bräuche und Feste noch in den dreißiger Jahren des 20. Jhdts. nach der Überlieferung aus der alten Heimat gestaltet. Gesungen wurde oft auf Jiddisch. Kennzeichnend waren bestimmte 'große' Intervalle sowie das enge Zusammengehen von Freude und Schmerz in der Musik. Das Revival der Achtziger Jahre mit neuen Gruppen wie Brave Old World stieß auch bei Nicht-Juden und in Europa auf reges Interesse und Nachahmung.
Tut es einer Musikkultur gut, wenn ihre Träger abgeschieden und zurückgeblieben leben? Die Berichte aus Europa sind widersprüchlich. In den unzugänglichen Tälern Norwegens oder auf den Färöer-Inseln konnten uralte Überlieferungen überleben. Die Abgeschnittenheit kleiner Bevölkerungsgruppen, etwa in Südosteuropa, kann jedoch auch bedeuten, dass neue Impulse fehlen und die Kultur verarmt. Umgekehrt kann die Übernahme von 'modernen' Instrumenten und Stilen dazu führen, dass die eigentlichen Charakteristika einer bestimmten regionalen Musik verloren gehen.
Im Netz
Zum Reinhören in verschiedene Stile empfielt sich die wunderbare, vielfältige
Sammlung von digitalisierten frühen Aufnahmen bei juneberry78s.
Aus einer reichhaltigen Sammlung
von Wachszylindern stammen diese gut sortierten Tondokumente.
Auf Old Time Music spezialisiert sind die Musiksammler von fieldrecorder.com.
Eine Sammlung von volkskundlichen Dokumentarfilmen bei Folkstreams
gibt Gelegenheit, die Musik in ihrem Umfeld zu erleben.
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Wie
veränderte sich die mitgebrachte Musik in den USA? Der Vergleich von Tänzen
und Liedern rechtfertigt es, angelsächsische und die irische Musik als Kernstück der
US - amerikanischen
Folkmusik zu betrachten. Dennoch braucht man den musikalischen Einfluss der Deutschen nicht
mit Null anzusetzen.
Vermutlich setzten sich die Lieder wegen der „falschen“ Sprache
nicht so durch, obwohl Übersetzungen vom Deutschen ins Englische etwa von
Soldatenliedern der Nordstaaten während des Bürgerkrieges nachgewiesen sind.
Auf die Melodie von „O Tannenbaum“ werden angeblich die Hymnen
mehrerer Bundesstaaten gesungen. Die texanischen Cowboy-Jodler sind einem breiteren
Publikum bekannt. Im 20. Jahrhundert war
alles Deutsche lange Zeit aus verständlichen Gründen nicht so 'angesagt',
wohingegen keltische Wurzeln gern ge- und untersucht wurden.
Man muss zwischen Nord- und
Südstaaten differenzieren, wobei der lebendigere Teil der Süden war.
Im Jahr 1860 lebten in den Südstaaten 3,5 Mio.
Sklaven. Der große
Einfluss schwarzer Musik auf die amerikanische Musikkultur ist
unbestritten. Schwarz
und Weiß beeinflussten sich gegenseitig. Nicht zufällig stand die Wiege des
Rock'n Roll in Memphis. Schwarzer Blues und weißer Country waren seine
Wurzeln. Man kann sagen, dass die originär amerikanische Musik in dem
Moment entstand, wo sich europäische mit nicht-europäischen Einflüssen
mischten.
Bluegrass und Country kehrten nach Europa zurück, wurden nachgespielt und
weiterentwickelt.
Selbst die Musik der Nachfahren von Europäern, die wenig Kontakt zu anderen
Gruppen hatten, veränderte sich. Als Beispiel sei der "high, lonesome
sound" genannt, ein gezogener, getragener Gesangsstil, der auch von
Instrumenten imitiert wurde. Ob sich hier ein Einfluss der umgebenden Landschaft
zeigt?
Die aus Europa überlieferten Balladen mit ihrem häufigen Vorkommen von guten
und bösen Geistern verloren ihren Bezug zu Naturreligionen,
wenngleich „Aberglaube“ besonders in den Südstaaten verbreitet war.
So spielte die Person des Teufels in Geschichten und Liedern eine Rolle, die bis
in die Gegenwart in Countrysongs wiederzufinden ist.
Diese Begegnung zweier Piper konnte ich 2006 in London
erleben
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Anders als in Deutschland machte sich die „Entdeckung“
des Volksliedes
weniger an Ideen und Texten als an konkreten Personen in ihrem sozialen Umfeld
fest. Der amerikanische Zugang zur eigenen Tradition war praktischer, weniger
romantisierend bzw. durch soziale Abgrenzung und Zensur bestimmt.
1910 veröffentlichte der Texaner John A. Lomax seine erste
Liedersammlung. Später trugen er und sein Sohn Alan (s. Linksammlung) Tausende
von Feldaufnahmen zusammen. Sie besuchten Gefängnisse, Farmen oder Spelunken. Dabei entdeckten sie Musikerpersönlichkeiten wie
Leadbelly, der viele spätere 'Hits' hatte.
Einer der ersten bekannten Folksänger war Woody Guthrie aus Oklahoma (geb.
1912),
der als Wanderarbeiter die Situation der ärmeren Schichten im Süden und
Westen genau kannte. Die Dust- Bowl- Flüchtlinge, Farmerfamilien, welche die durch
Trockenheit aus dem mittleren Westen vertrieben wurden, und die Opfer der Weltwirtschaftskrise
bekamen durch ihn eine Stimme. Er war der Überlieferung verbunden, sah aber die
Notwendigkeit, die Texte den sozialen Gegebenheiten der Zeit anzupassen. Guthrie
schrieb über 1000 Lieder, darunter die heimliche Nationalhymne „This Land
Is Your Land“. Als er 1967 starb, war er bereits zur Legende geworden.
Wie Guthrie stand der aus New York stammende Pete Seeger (geb. 1919) der Arbeiterbewegung nahe, engagierte sich später aber auch für die Umwelt. Seeger entdeckte seine Vorliebe für das Banjo, erwarb ein umfangreiches Repertoire, schrieb aber auch eigene Lieder. Er sang bei den Almanac Singers und den Weavers. Auch er bekam als Linker in den Fünfzigern Schwierigkeiten mit McCarthys Schwarzen Listen. Seeger veröffentlichte Dutzende von Platten, aber auch Bücher, und vermittelte durch seine freundliche Art bei zahllosen Auftritten ein sympathisches Bild vom Folk-Sänger. Mit „Where Have All The Flowers Gone“ (Sag mir wo die Blumen sind) wird er noch lange in Erinnerung bleiben.
Anders als für Guthrie und Seeger, die beide der kommunistischen Partei nahe standen, spielte das Geld für andere eine entscheidende Rolle. Die Plattenindustrie witterte in den Fünfzigern die Aussicht auf großen kommerziellen Erfolg und brachten Gruppen wie das Kingston Trio an die Öffentlichkeit. Mit „Tom Dooley“ , der Abwandlung einer alten Ballade, brachten sie es 1958 an die Spitze der Charts. Ihr glatter, akustischer Pop hatte mit den rauen Liedern der Straße wenig gemein. Ähnlich war die Lage mit Peter, Paul und Mary, die ein paar Jahre später Folksongs in den Mainstream beförderten.
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In Greenwich
Village/New York machte Anfang der Sechziger ein junger Mann von
sich reden, der sich Bob Dylan nannte. Er orientierte sich stark an Woody Guthrie,
englische und irische Einflüsse sind in seiner frühen Musik deutlich zu
hören. Tausende griffen zur Gitarre und
sangen „Blowing in the Wind“ nach, nicht nur in den USA. Dylans Protestsongs
trafen den Nerv der Zeit.
Die Anti - Vietnamkriegs - Bewegung, das aufkommende Hippietum, Woodstock
benutzten Stilelemente des Folk und machten ihn populär. Akustische
Gitarrenmusik wirkte authentisch, glaubwürdig. Joan Baez nahm
alte Balladen ebenso wie aktuelle Protestsongs auf und wurde gleichsam zur „Stimme“
der Friedensbewegung. Anders als Dylan, der immer nur für
sich selbst stand, blieb Baez bis heute gradlinig und in ihrem Engagement
überzeugend.
Zahlreiche andere
LiedermacherInnen waren seit den Sechzigern aktiv: Tom Paxton, Phil Ochs,
Melanie, die Kanadier Leonard Cohen und Gordon Lightfoot.
Der Übergang zum Pop war fließend. Als Dylan 1965 seine Gitarre auf dem Newport
Folkfestival einstöpselte, markierte er den amerikanischen Beginn des Folk Rock. Die Byrds oder Crosby, Stills, Nash und Young
begannen, Folk und Rock zu verschmelzen. Ihre raffinierten Harmonien und
das Rock-Instrumentarium sprachen ein breites Publikum an. Elemente der Folkmusik,
ob in Heavy-Metal-Balladen oder Film-Soundtracks, leben in der Rock- und
Popmusik weiter.
Die Folkwelle der Sechziger konnte nur auf Europa überspringen, weil es ein
Gefühl der Zusammengehörigkeit gab. Die Sprachbarrieren waren durch die
Dominanz des Englischen ohnehin stark verringert. Da sich Lebensgefühl mindestens ebenso an der
Generation wie an Herkunft und sozialer
Schicht festmachte, war es möglich, dass sich Menschen über Ländergrenzen eng verbunden
fühlten, ohne sich persönlich zu kennen. Folk war irgendwie links und
friedensbewegt. Mit dem Abflauen der entsprechenden politischen Welle kam
auch der dazugehörige musikalische Ausdruck aus der Mode.
Hinweise zu wichtigen MusikerInnen der Folk-Bewegung gibt es hier.
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Das, was sich aktuell in der Roots- und Liedermacherszene tut, hat noch nicht mal einen eigenen Namen. Weird Folk, Anti-Folk? Die Protagonisten sind auch kaum auf einen Nenner zu bringen. Da sind Hippie-Typen wie Devendra Banhart, die etwas versponnene Sängerin und Harfenistin Joanna Newsom oder der in Deutschland sehr erfolgreiche Pop-Star Adam Green zu nennen. Ani DiFranco entspricht am ehesten unserem Bild einer engagierten Protestsängerin. Die genannten eint kein gemeinsames Anliegen, sie empfinden sich nicht als Teil einer Bewegung, sondern als Einzelkünstler. Stilistisch erinnern sie ein bisschen an die vorherige Generation, verbinden jedoch viele unterschiedliche Einflüsse.
Was findet man sonst noch? Old Time oder Bluegrass und damit die akustische Zupf-Musik erfreuen sich weiterhin einiger Popularität, waren jedoch stilistisch ziemlich eingefahren. Junge Gruppen wie Nickel Creek haben hier Impulse geben können. Auch die keltische Musikszene erfreut sich blühenden Lebens.
Genau wie in Europa findet eine Ausdiffererenzierung, vielleicht sogar Verästelung, der Musikszenen statt. Wurzeln sind für alle da, und es gibt genug davon. Man braucht sich nicht auf die 'eigenen' zu beschränken. In der Zeit der popmusikalischen Wellen hört jede Generation offenbar fast ausschließlich die Musik von Gleichaltrigen.
Wie es weitergehen wird? Wie auch im Rock ist das, was jeder sucht, die Authentizität. Wenn Pop der Soundtrack der Globalisierung ist, müsste die Kultur der Gegenbewegung aus den vielen Farben der Weltregionen bestehen.

"Nothing good ever came out of America?" Nun ja, vielleicht war doch nicht alles schlecht...
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